Das Buch Ubuntu 16.04 Praxiswissen für Ein- und Umsteiger aus dem mitp Verlag ist gerade brandneu erschienen. Mir liegt ein Exemplar frisch ab Pressewerk vor und ich habe es durchgelesen. Reichen 272 Seiten, für einen Umstieg auf Ubuntu Linux?

Hilfestellung für den Umstieg auf Linux benötige ich als Rezensent eigentlich nicht mehr, habe ich doch selbst gefühlt hunderte Male Linux installiert: Auf den PC meiner Eltern, bei mir Zuhause, auf diversen Notebooks, in Virtualboxen und selbst auf meinem Arbeitsgerät ist mir Linux anstatt Windows erlaubt. Dabei dürfte ich zu den großen Ausnahmen zählen, denn der Linux-Desktop ist bekanntlich nur auf 3 Prozent aller Hauscomputer im Einsatz.

Fehlendes Interesse an einem freien, kostenlosen Betriebssystem zählt aber nicht, denn jetzt drehen wir diese Zahl um: Die restlichen 97% sollten ein natürliches Interesse daran haben, Linux kennen zu lernen. Klappt der Schritt mit diesem Buch als Umstiegshilfe?

Das Buch

ISBN: 9783958454712
ISBN: 9783958454712

Ubuntu 16.04 Praxiswissen für Ein- und Umsteiger aus dem mitp-Verlag ist geschrieben von Autor Christoph Troche, er hat schon Bücher zu Ubuntu 14.04, 12.04, Linux Mint und sogar zu einer Fr!tzBox im Portfolio. Sein neustes Werk für das aktuelle Ubuntu 16.04 LTS umfasst 272 Seiten. Optisch erstaunt das etwas kleinere Buchformat als auch die eher niedrige Seitenanzahl, als Fachbuch-Sammelkäufer bin ich mir größere und dickere Bücher gewohnt. Im Buch inklusive ist eine DVD um die Ubuntu-Installation sofort selbst durchführen zu können. Der Deutschland-Preis liegt bei 20 Euro.

Die Themenwahl

Im ersten Drittel erklärt Christoph Troche wie Ubuntu auf dem eigenen PC neben Windows installiert wird, und das gelingt ihm sehr gut. Die ganze Thematik mit BIOS und UEFI ist halt einfach trocken, da hat der Autor das Beste daraus gemacht. Ein jeder Leser wird mit diesem Buch die Grundinstallation von Ubuntu definitiv hinbekommen.

Der nächste Teil handelt davon, wie man Ubuntu einrichten sollte. Nach einem Kapitel zur Unity-Oberfläche lernt der Leser Ubuntu im Detail zu bedienen: Internet per LAN oder WLAN, UMTS-Stick oder Smartphone. Die Systemaktualisierung wird beleuchtet aber auch wie man eine Grafikkarte, einen Drucker oder Scanner in Betrieb nimmt.

Um überhaupt neue Programme unter Ubuntu zu installieren, werden die unter Linux üblichen Installations-Varianten erläutert: Der einfachste Weg über die Paketquellen, der Weg als PPA und die .deb Dateien.

Ab da an geht das Buch eigene Wege, sprich, es pickt sich Themenbereiche heraus die dem Autor als wichtig erscheinen. Zum Beispiel: «Thunderbird und Firefox: Kommunikation mit Ubuntu», «Windows-Programme mit Ubuntu nutzen», «Ubuntu in der Gruppe», «Libre Office – das Heimbüro», «Ubuntu in der Cloud», «Safety first – Sicherheit im System», «Nautilus, Kommandozeile und Verzeichnisbaum» oder «VPN einrichten».

Das Buch eignet sich ausschließlich für totale Linux-Grünschnäbel, also Windows-Umsteiger ohne Vorwissen zu Ubuntu. Der Leser wird an die Hand genommen um einem Nicht-Computerfreak den Umstieg auf Linux zu erklären. Aus Sicht eines Umsteigers gelingen die Erklärungen dem Autor sehr gut.

Was der Umsteiger aber nicht weiß, es hätte noch viel mehr in so ein Buch hinein gepackt werden können, teilweise durchaus wichtige Themen und Informationen.

Fehlende Inhalte

Schade dabei fand ich, dass die Hilfe zur Selbsthilfe deutlich zu wenig erklärt wird. Äußerst informative Webseiten wie ubuntuusers.de werden zwar kurz erwähnt, aber nicht vertieft empfohlen. Dasselbe Schicksal erleidet appdb.winehq.org, eine sehr aktuelle Datenbank die aufzeigt ob ein Windows-Programm mit WINE unter Ubuntu laufen würde. Der Leser wird nicht darüber informiert.
Durch diese fehlenden Hinweise wird dem Leser leider nicht bewusst, dass Ubuntu und Linux im Allgemeinen für fast jedes Windows-Programm gleich mehrere Linux-Alternativen bereithält. Ein weiteres Beispiel dafür ist Thunderbird: Dem eMail-Programm werden mehrere Seiten und Screenshots gewidmet, aber die Alternative Evolution mit keiner Silbe erwähnt.

Am meisten aber vermisst habe ich ein Kapitel zu Multimedia, also Foto- und Audioprogramme unter Linux. Vermutlich hat jeder Windows-Umsteiger eine Foto- oder Musiksammlung und möchte diese bestenfalls auf Windows umziehen. Das Ubuntu-Buch hält dafür kein Kapitel bereit. Aber gerade hier wäre es wichtig, einige der vielen verschiedenen Foto-Programme unter Linux zu zeigen.

Das Thema Spiele wird mit einem einzigen Satz abgekanzelt: «Wenn Sie viele, vor allem neue rechenintensive Spiele nutzen, werden Sie mit Ubuntu nicht glücklich, da die Hersteller nur für Windows und Mac OS X kompatibel entwerfen.» Diese Ansicht ist zwar richtig, aber trotzdem nicht mehr Zeitgemäß: Linux hat schon 2700 Spiele auf Steam, während Mac OS X 4000 Spiele in petto hat. Der Unterschied: Linux holt OS X in einem extremen Steigflug auf, diese 2700 Spiele wurden in nur 2 Jahren erreicht. Ein so aktuelles Buch sollte dahingehend informieren.

Was ich als Leser auch vermisst habe ist eine Übersicht der Änderungen in Ubuntu 16.04 zu den vorherigen Versionen. Immerhin hat der Autor, wie Eingangs erwähnt, schon Bücher zu früheren Ubuntu-Versionen herausgebracht, aber das neuste Werk erwähnt Neuerungen von Ubuntu 16.04 mit keiner Silbe.

Der aufmerksame Leser erkennt indes auch, dass hier extremes Inhalts-Recycling betrieben wird: Das Buch zu Linux Mint aus dem Jahre 2015 des selben Autors hat fast die gleichen Überschriften, ja sogar das Buch von 2012 zu Ubuntu 12.04 bietet laut Inhaltsverzeichnis im Prinzip denselben Inhalt. Diese fehlende Liebe zum Detail macht sich leider bemerkbar, beispielsweise in den teils unnötig unscharfen Screenshots.

Ein Buch für mich?

Spannend fand ich das Kapitel «Mit Ubuntu in der Cloud». Neben Dropbox werden auch alternative Cloud-Anbieter wie Magentacloud, OneDrive, TeamDrive, SeaFile oder Spideroak erwähnt. Das Kapitel hat an sich nicht viel mit Ubuntu zu tun, ich empfand es aber genau deswegen als eine nette Auflockerung.

Auflockerung, auch ein gutes Stichwort: Das Buch langweilt nicht. Es hält sich straff an die Praxis und diese Schreibweise überzeugt und liest sich flott.

Abschließend kann ich Ubuntu 16.04 Praxiswissen für Ein- und Umsteiger als Ubuntu Linux-Einstieg für Leute empfehlen, die noch nie eine Linux-Distribution installiert oder ausprobiert hatten. Hingegen für Personen mit Hintergrundwissen zu Ubuntu, oder einer anderen Distribution, ist der Umfang einfach viel zu klein – dementsprechend werden deutlich zu wenig Themen im Detail beleuchtet.

Review Übersicht
Umfang
Themenwahl
Schreibstil & Darstellung
QUELLEUbuntu 16.04 Praxiswissen für Ein- und Umsteiger (mitp Verlag)
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elysium

Elysium spielt seit 2012 unter Linux, aktuell mit Linux Mint 18. Beruflich bin ich im Bereich Middleware auf Linux-Server unterwegs. Für diverse Adobe Applikationen bleibt mein Dualboot Linux/Windows bestehen. Und in seltenen Fällen für DirectX only Games..

5 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag und die viele Arbeit, die du dir immer machst! Ich lese immer fleißig mit, kommentiere aber normalerweise wenig. Dass hier sogar Linux-Bücher getestet werden finde ich aber besonders lobenswert!

    • Hallo Robin, vielen Dank für die Blumen, ich gebe den Dank aber gerne auch weiter an die aktiven Schreiberlinge-Kollegen 🙂 Es sollte nicht die letzte Buchrezension bleiben, mir hat es Spass gemacht. :- )

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