Während wir im letzten Artikel die Top 10 Distributionen 2016 angeschaut haben, begutachten wir an dieser Stelle die spannenden Trends 2017. Wir haben 5 aufsteigende Linux-Sterne herausgesucht, die voraussichtlich 2017 noch Aufsehen erregen werden.

In diesem 2ten Teil unserer dreiteiligen Artikelserie geht es um eher neue Distributionen mit viel Aufmerksamkeit in diesem Jahr.

Der vermutlich größte Trend wird eine 100%ige Linux-Neuentwicklung sein, weit weg vom Ubuntu-, Debian- und RedHat Universum. Desweiteren gibt es auch eine spannende Desktop-Distribution aus China – ja, richtig gelesen, aus China! – mit Debian-Unterboden.

 Trend #1: Solus

Solus ist ein neues Linux ohne Abhängigkeit zu einer anderen Distribution. Als wäre das noch nicht spannend genug, bringt Solus auch noch einen neuen Desktop mit: Budgie ist ein Gnome Fork basiert als Neuentwicklung auf dem Gnome 3 Stack, mit frischer Handhabung und nettem Look. Mit dem Chefentwickler Ikey Doherty, seinesgleichen angestellt bei IBM Intel, haben wir im Juni 2016 ein ausführliches Interview geführt, worin er erklärt, wie Solus mit der Steam-Runtime das Zocken unter Linux verbessern kann.

Dank seinem Tool kann bei Steam zwischen 64- und 32 Bit hin-und her gewechselt werden, je nach Spiel führt das zu besserer Performance. In den Benchmarks erreicht Solus immer öfter höhere FPS-Zahlen als Ubuntu oder SteamOS, was hauptsächlich dem innovativen Clear Linux Projekt zu verdanken ist. Vereinfacht gesagt werden durch das Clear Linux Projekt die Bibliotheken von Solus mit optimierten Parametern frisch kompiliert. Das führt letzten Endes zu höherer Performance.

Für blutige Anfänger ist Solus dennoch nicht zwingend geeignet, weil es unter der Haube vieles anders macht als Ubuntu, OpenSuse & Co. So sind zum Beispiel auch die bekannten Paketmanager für RPM oder DEB nicht dabei, Solus setzt auf «eopkg» welches ein Fork des PiSi Paketmanagers ist. Diese kleinen aber feinen Eigenheiten können den einfachen Linuxuser durchaus verwirren oder überfordern, zumal die Dokumentation von Solus nicht annähernd so gut ausgereift ist wie zum Beispiel diejenige von Arch Linux. Übrigens: Solus wurde im Verlaufe von 2016 zu einer Rolling-Release Distribution ausgerufen, genau wie Arch oder OpenSUSE Tumbleweed es ist.

Auf jeden Fall sollte man Solus im Auge behalten, denn einige der innovativen Inhalte, die Solus mit sich bringt, könnten hier und da später von anderen Distributionen übernommen werden.

Gaming Tauglichkeit: Mittel bis extrem Hoch. Solus wird zwar nicht offiziell von Steam unterstützt, aber der Chefentwickler setzt sich für bessere Spielperformance ein mit Tools und tiefgreifenden Library-Anpassungen (Clear Linux Project), die zu mehr FPS führen können als Ubuntu oder SteamOS erreicht. Das Software-Center von Solus hat eine in Genre aufgeteilte Spiele-Sektion integriert, inklusive Konsolen-Emulatoren und Steam.

Trend #2: Deepin

Deepin zeigt was geht, wenn man sich nur traut! Unter den bekannteren Distributionen hat es bisher nur Deepin weg von Ubuntu, hin zu Debian als Unterboden geschafft. Deepin wird in China entwickelt und verbreitet von Asien aus seinen Charm bis über Europa hinweg auch in die USA. Deepin kann je nach Taskleisten-Design mit einem Windows 10 verglichen werden, wobei die Systemeinstellungen rechts aus dem Rand hervor ploppen, ohne neue Fenster öffnen zu müssen. Aktuelle Version ist Deepin 15.3.

Deepin pfeifft auf klassiches Open Source à la LibreOffice und bringt die proprietäre WPS Office Suite für Linux als Standard mit, eine chinesische Kopie von Microsoft Office die derzeit ausschließlich MS-Formate unterstützt, keine ODFs. Zudem hat Deepin eigene Tools oder Forks für Video, Musik und Foto im Gepäck.

2017 wird Deepin höchstwahrscheinlich weiter an Bekanntheit zulegen, denn bisher sind noch nicht viele Linuxuser auf Deepin aufmerksam geworden. Letztlich stellt sich aber die Frage, ob Deepin es schaffen kann eine große englischsprachige Community zu erreichen. Immerhin ist die «Muttersprache» von Deepin nach wie vor chinesisch.

Gaming Tauglichkeit: Niedrig bis Mittel. Es fehlten in Vergangenheit neuste Linux NVidia-Treiber in der Treiber-Auswahl; die Ubuntu Graphics-PPA ist nicht benutzbar weil Deepin auf Debian basiert. Die chinesischen Distributoren setzen sich (noch) zu wenig für Gaming ein, und das obwohl Steam sogar vorinstalliert ist.

Trend #3: Ubuntu Budgie

Ubuntu Budgie schaffte das, was Andere nicht so schnell hinbekommen: Es ist nämlich gar nicht mal so einfach, eine offizielle Ubuntu-Version zu werden. Ubuntu Budgie hat diesen Meilenstein mit dem aktuellsten Ubuntu 16.10 geschafft (für 16.04 LTS hat es leider nicht mehr gereicht) und gehört jetzt offiziell zum Ubuntu-Universum. Hauptunterschied zu Papa-Ubuntu: Der Namenseigene Desktop Budgie.

Budgie ist ein Gnome Fork ist eine Neuentwicklung basierend dem Gnome 3 Stack als Unterboden und Wurzeln bei der vorhin erwähnten Solus-Distribution. Budgie setzt auf schlichte Eleganz mit einer Taskleiste am oberen Bildschirmrand und Einstellungen auf der rechten Seite, es ähnelt nicht ganz unbewusst dem Gnome 2. Budgie ist auch optimiert auf Geschwindigkeit und gilt als sehr schnell.

Ob Ubuntu Budgie ein Trend ist? Wir finden, ja: Seit Release von Gnome 3 und Spaltung der Ubuntu-Community ist weiterhin Platz für neue Desktop-Umgebungen. Spätestens mit dem Release von Ubuntu Budgie 18.04 LTS im Jahr 2018 sollte der Durchbruch geschafft sein.

Gaming Tauglichkeit: Hoch, als Ubuntu-Abkömmling dürfte die Gaming-Integration ebenso gut sein wie bei Ubuntu.

Trend #4: KDE Neon

KDE Neon basiert auf Ubuntu und gibt es erst seit 2016, ist also brandneu. KDE Neon macht sich das Ubuntu-Repository zu Nutze (ist aber kein offizielles Ubuntu) und gibt den neusten KDE Plasma Desktop zum Besten.

KDE Neon ist der Quasi-Nachfolger zu Kubuntu. Kubuntu ist ein eher trauriges Kapitel, denn es konnte nie gut genug Linux-Benutzer von sich überzeugen. Jetzt soll KDE Neon vieles besser machen. KDE Neon entsteht rund um den KDE- und Kubuntu Entwickler Jonathan Riddell.

Anders als Kubuntu ist KDE Neon kein offizielles Ubuntu. KDE Neon dürfte nicht nur in die Fußstapfen von Kubuntu treten, sondern begibt sich auf direktem Weg auf die Überholspur, KDE Plasma sei Dank.

Gaming Tauglichkeit: Hoch, als Ubuntu-Abkömmling dürfte die Gaming-Intragration ebenso gut sein wie bei Ubuntu.

Trend #5: Antergos

Antergos arbeitet nach dem Prinzip «Keep it simple, stupid!» und ist der Nachfolger von Cinnarch. Antergos setzt im Unterschied zu Manjaro 100% auf die bestehenden Arch-Repositories und bringt nur wenige eigene Pakete mit. Antergos möchte ebenso wie Manjaro das Arch Linux mit grafischen GUIs vereinfachen. Damit ist Antergos sozusagen ein Arch-Linux für die einfachen Leute, und «einfacher» ist bei Arch für viele Anwender ein wohltuender Begriff.

Ein kleines bisschen kann Antergos mit Ubuntu in der Handhabung der Distributions-Abhängigkeiten verglichen werden: Ubuntu setzt auf Debian, Antergos setzt auf Arch. Ubuntu hat den Desktop-Markt eingenommen, Antergos hat das Zeug dazu? Gewiss ist: Antergos hat seinen Zenit noch nicht überschritten und dürfte 2017 weiter an Beliebtheit zulegen.

Gaming Tauglichkeit: Mittel. Antergos als Nicht-Ubuntu leidet an mangelndem Support und ist nicht so geschmeidig im Bezug auf die Grafiktreiber: Man erhält zwar immer die neusten Grafiktreiber, aber ein Treiber Downgrade – wenn beispielsweise der neuste proprietäre Nvidia GraKa-Treiber Probleme verursacht – ist nicht so einfach, weil die Abhängigkeiten durcheinander geraten können.

Das waren unsere Trend Linux-Distros 2017. Haben wir einen spannenden Trend für 2017 verpasst? Lasst es uns wissen.

Demnächst: Teil #3 wird eine Reise in die Vergangenheit

Nach einer mehrtägigen Pause dieser dreiteiligen Artikelserie geht es in Vergangenheit: Wir schauen uns einige Distributionen an, die früher einmal einen bekannten Namen hatten, aber heutzutage (fast) völlig in Vergessenheit geraten sind.

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elysium
Elysium spielt seit 2012 unter Linux, aktuell mit Linux Mint 18. Beruflich bin ich im Bereich Middleware auf Linux-Server unterwegs. Für diverse Adobe Applikationen bleibt mein Dualboot Linux/Windows bestehen. Und in seltenen Fällen für DirectX only Games..

10 KOMMENTARE

  1. Alles Distributionen, welche doch durchaus bekannt sind. Die vorgestellten Distributionen würden schon von großen Online Magazinen vorgestellt und auch schon in diversen Magazinen war von ihnen zu lesen. Wurde dort auch schon thematisiert.

    Gerade bei Antergos kommt, mMn, der Beitrag so rüber als gäbe es Antergos erst seit 2 Wochen.

    Aber ansonsten ein toller Beitrag und ein toller Blog!

    • Wären es neue Distros dürfte man nicht von einem Trend sprechen. Trend bedeutet „über einen gewissen Zeitraum bereits zu beobachtende, statistisch erfassbare Entwicklungstendenz“ (Duden) 😀

  2. Budgie is not a gnome fork.
    It is build from scratch using gnome libraries.

    Ikey works for Intel, which happens to make clear linux

  3. Wow, thanks to both, i’m sorry. Of course he works for Intel, it’s now corrected.

    (2 days ago i heard a podcast with some IBM content inside, thats why i mixed it :‘)

  4. Nett, aber fehlen da nicht einige, wie bspw. Lumina oder ggf. auch Cinnamon? Es sind zwar nette Neuigkeiten dabei, aber wenn man von Trends im Jahr 2017 spricht und nur eine solch kleine Liste bringt, wirkt das irgendwie eigenartig.

  5. Ich würde Deepin ja gerne mal testen. Aber ich habe – das muss ich ehrlich eingestehen- Vorurteile, weil die Distribution aus China stammt. Können Backdoors bei Deepin ausgeschlossen werden?

  6. hi, auch die debian mit allen ihren desktops – jetzt auch cinnamon – ist sehr brauchbar – die seite ist aber dennoch toll, manches kannte ich überhaupt nicht!! coole recherche, danke, gruss aus graz, gm

  7. 1. Antergos ist keine Distribution! Das Schreiben Sie sogar selbst auf ihrer Webseite, es ist lediglich ein grafischer installer um Arch Linux einfacher zu installieren.

    2. Habe ich damit (mit einer GTX960) null Probleme beim Spielen und läuft wesentlich besser so wie stabiler als unter Debian, Fedora, Ubuntu.

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